Nach
dem Gottesdienst




...
Abschlussfeier im Saal der Schillerpromenade






Wir
danken Jörg Tobias Hagen für seinen unermüdlichen
Einsatz an der Technik.
Und
das war die Ansprache des Schulleiters, Herrn Weiser:
Liebe
Abiturienten, liebe Abiturientinnen,
in
wenigen Augenblicken endet mit der Überreichung Ihrer
Abiturzeugnisse Ihre Schulzeit. Sie sind nun „abituriens“
– Davongehende!
13 Jahre, oder mehr, waren Sie unterwegs zu diesem Ziel.
Nun stehen wir gemeinsam hier sehr feierlich zum letzten
Mal zusammen, nach einem letzten gemeinsamen Gottesdienst,
nach einem letzten gemeinsamen Vaterunser,
O
Gott, und nun zum letzten Mal noch eine Rede!
Sie
haben es gut! Als ich 1970, also vor etwa hundert Jahren,
mein Abitur machte, hatte ich diese Reden bereits zweimal
gehört. Zu unseren Abifeiern in der Aula meiner Schule
wurden immer die – damals noch Klassen - 11 und
12 dazu geladen. Unsere Frau Direktorin, Gott hab sie
selig, hielt immer dieselbe Rede, Jahr für Jahr.
Da war von Wegen die Rede, die auf einen Berg führten,
von Aufstieg, von Anstrengungen, Rast, Verweilen, von
zu überwindenden Schwierigkeiten, von Erquickung
an Bächen, von Aussichten über weite Täler,
immer das Ziel, den Gipfel im Blick und so weiter und
so weiter. Wir nannten die Rede der Alten spöttisch;
die Bergpredigt!
Nun
stehe ich vor Ihnen, auch nicht mehr ganz jung! Aber ich
habe gelernt. Um meine Worte jährlich ohne größere
Peinlichkeit wiederholen zu können, haben wir eben
die Jahrgänge 11 und 12 nicht eingeladen!
Das
Bergsteigermotiv ist mir aus den genannten Gründen
zuwider. Ein anderes Bild aus unserem Schulalltag fällt
mir ein: Unsere Baustelle am Sasarsteig Ecke Reuterstraße
– der Schulneubau für unsere 1. Klassen.
Das Leben ist eine Baustelle! So der Titel eines
Berlinale-Films von 1997,
in dem die Protagonisten an ihrem Leben basteln und bauen.
Auch
Sie als Schüler waren und sind Bastler und Bauleute
und alles fing an mit dem Gießen des Fundaments
in der Grundschule.
Dieses ist im Prinzip nichts besonderes, meist entsteht
eine öde Betonplatte, ohne jegliche Schnörkel
oder ähnlichem. Dennoch ist sie unerlässlich,
weil ohne Fundament kein vernünftiges Haus steht.
Nachdem
Sie die Grundschule hinter sich gebracht hatten, also
das Fundament gelegt war, konnte mit dem Rohbau begonnen
werden. Das neue Haus bekam allmählich Strukturen,
mit denen man was anfangen konnte. So konnte man ab diesem
Zeitpunkt erahnen, welche Räume größer
und geräumiger gestaltet wurden und auf welche Bereiche
der Bauherr nicht so viel Wert gelegt hat. Im übertragenen
Sinne: Für welche Bereiche im Kopf eines Schülers
mehr Platz bereit gestellt wurden und für welche
weniger.
Auch
zeigten sich nun die unterschiedlichen Herangehensweisen
an das Bauprojekt. Während einige fleißig und
präzise den Baufortschritt nie aus den Augen verloren,
Schlechtwetter und andere Verzögerungen einplanten,
pflegten andere in genüsslicher Zufriedenheit ihr
Tageswerk, drei lieblos gemauerte Reihen Ziegelsteine
zu betrachten und anschließend den Erfolg ausgiebig
mit einem Kasten Bier und einer Flasche Korn bis in die
Nacht zu feiern. So unterschiedlich sind die Menschen
beim Bau!
Nun gut, man konnte ab jetzt auch langsam erkennen, welches
Haus in der Siedlung eine Garage bleibt und wer die Pracht-Villa
baut!
Eine
erste Abnahme des Rohbaus erfolgte noch im Stillen, ohne
Präsenz einer regulären Bauaufsichtsbehörde,
die sich MSA nennt, wie es mittlerweile der Fall ist und
die Chaos verbreitet. Heute verursacht diese geregelte
Bauabnahme mit diesen zusätzlichen Test ein fragendes
Helmabnehmen und Kopfkratzen.
Am Ende der Klasse zehn fand schließlich Ihr Richtfest
statt. Zum ersten Mal durfte gefeiert werden, weil Sie
nicht nur den Mittleren Schulabschluss in der Tasche hatten,
nein, Sie hatten den „erweiterten“ oder eben
die Versetzung in die 11. Klasse. Damit war das Erbaute
schon als Haus erkennbar, wenn auch noch nicht wirklich
fertig.
Der
Rest ging doch sehr schnell. Ab der Oberstufe flossen
massiv individuelle Stilrichtungen und Interessen in das
Aussehen des Hauses ein.
Spätestens ab der Kurstufe konnte man jedes Haus
in der Siedlung vom anderen unterscheiden. Die Dacheindeckung,
Fassaden und Verblendung, Fenster, Türen, usw. wurden
in verschiedenen Qualitäten und Stilen sichtbar.
Die
staatliche Bauabnahme erfolgte streng und formal, Mängel
wurden benannt, bauliche Glanzleistungen wurden hervorgehoben.
Jetzt, nachdem alles zertifiziert und die Dokumente gestempelt
sind, kommen wir gleich zur Schlüsselübergabe.
Das Haus selbst ist fertig und bewohnbar und mit all dem
ausgestattet, was ein modernes Haus haben muss. Das neue
Haus erscheint voll funktionsfähig, Strom, Gas und
Wasser wird es haben.
Ihre
nächste Aufgabe ist es also, das Haus so einzurichten
und es mit Leben zu füllen, auf dass Sie selbst gerne
in diesem Haus wohnen, dass Sie sich freuen nach Hause
zu kommen und es mit Stolz Ihren Gästen präsentieren.
Heute
aber ist Einweihungsfeier, und da ist man froh und genießt
das Leben und vergisst den Stress mit der Bauleitung!
So,
Ihr beneidenswert jungen Menschen, nun freut Euch über
Euer Abitur!
Es
bedeutet einen wesentlichen Schritt voran.
Es ist viel, sogar sehr viel – aber noch lange nicht
alles!
Und
nun, typisch für Lehrer, eine Reihe von Imperativen:
Was
auch immer Sie tun,
was auch immer Sie wollen,
wohin Sie auch gehen,
wer Sie auch werden,
was Sie auch werden!
•
Suchen Sie das soziale Engagement,
denn nicht überall ist die Welt in Ordnung.
•
Erfüllen Sie die Gemeinschaft mit Leben,
denn jeder kann Verantwortung mittragen.
Um es mit Brecht zu sagen:
Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert
Und handelt, statt zu reden noch und noch.
• Bleiben Sie neugierig, denn es gibt immer wieder
Neues in dieser Welt zu entdecken.
Und
im Übrigen:
• Leben Sie den „uneigennützigen Groll“
und weinen Sie die „uneigennützigen Tränen“,
die auch Heinrich Heine von den Göttern erbat.
Erinnern Sie sich mit Sympathie an unsere Schulgemeinde.
Wir Lehrerinnen und Lehrer behalten Sie im Gedächtnis,
weil Sie durch die gemeinsamen Jahre ein Teil unseres
eigenen Lebens geworden seid.
Merkt
Sie sich die Worte des spanischen Dichters Gracián,
der da meinte,
dass der griechische Sänger Orpheus mit seiner Harfe
für die Menschheit mehr getan hat, als Herkules mit
seiner Keule!
Wir
wünschen Ihnen für das Einrichten Ihres neuen
Hauses die dafür notwendige Kraft und den Segen Gottes,
der Sie tragen wird, wenn Sie in Nöten sind.