Die
Kindertransporte in den dreißiger Jahren von Deutschland
nach England.
Ein
Zeitzeuge berichtet. Erschütterndes weiß Herr
Kallmann aus seiner Kindheit zu berichten ...
Er
gehörte zu der Gruppe jüdischer Kinder, die
Deutschland bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges unter
größten Schwierigkeiten - aber legal - verlassen
konnten. So entkam er mit seinen Schicksalsgenossen dem
sicheren Tod , aber ihm wurde seine Kindheit genommen,
er wurde von seinen Verwandten und seinen Freunden getrennt.
Die Bedingungen für eine Ausreisegenehmigung waren
äußerst schwierig zu erfüllen. Die Kinder
mussten allein reisen, ihre Eltern zurücklassen und
durften nur ein Stück Handgepäck mit in die
Fremde nehmen.
In
England wurden sie freundlich in Empfang genommen - für
die jüdischen Kinder ein ungewohntes Erlebnis nach
den öffentlichen Demütigungen in Deutschland
- sie lebten zuerst in Sammellagern und wurden dann meist
in Familien untergebracht.Sie waren versorgt und in Sicherheit,
aber in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht kannten.
So waren es vor allem die Briefe von den Eltern aus Deutschland,
die ihnen Halt und Geborgenheit gaben. Selten gelang es,
dass die Familien wieder zusammenkamen. Mit dem Ausbruch
des Zweiten Weltkrieges brachen dann alle Kontakte nach
Deutschland ab.
So
wurden aus deutschen jüdischen Kindern Engländer,
die sich loyal zu ihrer neuen Heimat verhielten; die meisten
von ihnen zogen als Briten gegen Nazi-Deutschland in den
Krieg. Nach dem Ende des Schreckens erfuhren sie nun von
dem Schicksal ihrer zurückgebliebenen Eltern
und Verwandten. Unser Zeitzeuge, Herr Kallmann, besitzt
die britische Staatsbürgerschaft und fühlt sich
auch als Brite.
Herr Kallman spricht im Musikraum
mit Schülern der 10. Klassen.
Er lebt mit seiner deutschen Frau seit Jahren in Berlin
und erzählt nun in seinem
(Un-)Ruhestand Schülerinnen und Schülern seine
Geschichte. Sehr aufmerksam und interessiert sind wir
seinem vierstündigen Vortrag gefolgt und haben ihm
unsere Fragen gestellt. Es war nach den Projekttagen und
unserer Fahrt
nach Auschwitz ein beeindruckender, würdiger
Abschluss der intensiven Beschäftigung mit dem schwärzesten
Teil deutscher Geschichte.

Text:
Klaus-R. Weiser _ 2004