Aktion der ESN: Soziale Tage
Flutopferhilfe: Die Reise nach Riesa - 8.11.2002


Pressetext

Sehr geehrter Herr Iber,

Schüler und Schülerinnen aus 17 Familien waren durch das Elbe-Hochwasser unmittelbar betroffen, sechs Kinder davon besonders schwer. Für die besonders arg geschädigten Familien möchten wir das Schulgeld für die kommenden zwölf Monate aussetzen.
Wir sind dazu aber nur in der Lage, wenn die dadurch entstehenden Mindereinnahmen von 540 € je Schüler durch Spenden ausgeglichen werden können.
Ich danke Ihnen, dass Sie sich an Ihrer Schule dafür einsetzen, dass den Familien an dieser Stelle geholfen werden kann. ( ... )
In der Anlage sende ich Ihnen einige Bilder aus der unmittelbaren Umgebung des Dorfes Röderau-Süd.
Mit herzlichen Grüßen Ihr Eckhard Klabunde,
Superintendent und Vorsitzender des Schulvereins
26.9.02

Erlebnisse eines Besuchs vor Ort


Der Abzweig Röderau im Herbst 2002

 

Wohnhäuser sind für Monate nicht bewohnbar und müssen aufwändig und mit viel Einsatz saniert werden ...

Einmal Riesa und zurück

Ein wenig aufgeregt waren wir schon, als wir vor der Trinitatisschule in Riesa standen. Wir, das waren Simone und Simon aus der 4b, unsere Schülersprecherin Nadin (10b), Frau Stricker, Herr Iber und ich. Unsere Sorge, wir könnten doch ungelegen kommen, eindringen in eine Gemeinschaft, die sich erst langsam von schweren Problemen zu erholen beginnt und deshalb keinen Besuch gebrauchen kann, diese unausgesprochenen Befürchtungen haben sich sehr schnell verflüchtigt: Wir wurden überaus herzlich und offen empfangen. Die Schulleiterin, Frau Richter, stellte uns den Kolleginnen vor und man zeigte uns die noch kleine, im Wachsen begriffene Schule. Vier Grundschulklassen (1-4) gibt es bislang, untergebracht in einem städtischen Schulgebäude, einem Gebäudetyp, den man überall in den neuen Bundesländern findet: von außen wenig einladend, funktional, stereotyp. Völlig anders dann die Atmosphäre im Innern: Die Schülerinnen und Schüler arbeiten in hell und freundlich gestrichenen Klassenräumen, die liebevoll und farbenfroh gestaltet sind, die Möblierung ist neu ... Man könnte neidisch werden!

Nach der Mittagspause wurden wir den Klassen zugeteilt. Julia und Julius gingen mit Herrn Iber in die Vierte. Für jeden Schüler hatten sie einen oder sogar zwei Briefe mitgebracht, den unsere Viertklässler geschrieben hatten. Auch Frau Stricker hatte Post von ihrer Klasse mitgebracht. Viele Fragen mussten beantwortet werden, für normalen Unterricht war da keine Zeit. Nadin und ich durften bei Frau Clauß in der zweiten Klasse Mäuschen spielen. Sprechsilben mussten erkannt werden: "Ha-sel-nuss, Na-sen-bär, Gän-gu-ru" "Sehr schön Werner", lobte die Klassenlehrerin, "aber wir sagen: Kän-gu-ru!" Aha, wir waren in Sachsen. Werner, der neben mir saß, ist ein flotter Arbeiter. Da er mit seinen Aufgaben fertig wurde, noch ehe das Rasseln der Eieruhr das Ende der Stillarbeitsphase ankündigte, konnte er mir noch manches aus seinem Ordner zeigen und erklären. Dann hatten Nadin und ich Gelegenheit, den Brief, den wir von unserer 2b mitgebracht hatten, vorzulesen.

 


Schüler der ESN
zu Besuch in Riesa: Grundschüler und Nadin (Schulsprecherin)

Viele Fragen wurden gestellt: "War eure Schule vom Hochwasser bedroht?" "Habt ihr noch immer unter den Folgen der Flut zu leiden?" Die zweite Klasse der Trinitatisschule und Frau Clauß versprachen, die Fragen in einem Brief zu beantworten. Nun wurde es feierlich, die Reden: Frau Richter bedankte sich im Namen ihrer Schule, der Superintendent, Herr Klabunde, im Namen seines Kirchenkreises für die geleistet Solidarität und Hilfe. Nach kurzen Worten unseres Schulleiters berichteten unsere Schüler von ihrer Arbeit bei Opa und Tante, in Gemeinden, Kitas und Betrieben. 7.910 € haben sie in zwei Tagen durch ihre Arbeit zusammengetragen, eine stolze Summe, nicht nur für Neuköllner Verhältnisse!

 

Evangelische Schule
Neukölln in Riesa

Herr Klabunde und Direktor Dr. Iber


Nun wurde es ernst, die Spendenübergabe: Julia, Julius und Nadin übergaben als Vertreter der Schülerschaft den anwesenden Eltern und ihren Kindern den mit einer Rose geschmückten Briefumschlag mit der Geldspende. Für die Kinder hatte Frau Stricker noch einen Schkoladenkoffer aus Berlin beigelegt. Die Dankbarkeit und auch Rührung der Empfänger war beeindruckend. Dann fingen sie an, von den Ereignissen und ihrem Schicksal zu erzählen: Von dem Wasser, das überraschend schnell stieg - von den im Stall angebundenen Tieren, die zu ertrinken drohten. Anschaulich schilderten sie den Augenblick, in dem sie alles zurücklassen mussten, Möbel, Andenken, auch Haustiere - und in dem sie nicht wussten als der Hubschrauber sie in Sicherheit brachte, ob sie je zurückkehren könnten. Zwei Familien wohnen noch immer nicht in ihren Häusern, die statischen Gutachten sind noch nicht abgeschlossen, es herrscht Einsturzgefahr. So leben sie bei Verwandten, beengt und ohne eigene Wohnung - als Gast.

 

Evangelische Schule
Neukölln in Riesa



Besonders hart traf es diese Familie, die nach der Flutkatastrophe ihr Haus für 6 Monate nicht benutzen konnte


Nun wurde es fröhlich, das Büfett. Suppe, Nudelsalat, Würstchen - für das leibliche Wohl war gesorgt. Jetzt wurde nachgefragt und ungezwungen geplaudert. Das Geld könne er dringend gebrauchen, sein Haus müsse wohl abgerissen werden, der Staat helfe großzügig, aber das erforderliche Eigenkapital stehe ihm noch nicht zur Verfügung. "Dafür brauche ich jeden Euro!", gesteht mir ein Vater und zeigt auf den Umschlag mit dem Spendengeld. Er sei sehr von der Aktion unserer Schule sehr beeindruckt, ganz besonders als er gehört habe, dass unsere Schülerinnen und Schüler meist nicht zu den Wohlhabenden gehörten. "Viele von uns müssen von vorn anfangen. Das kostet viel Geld, aber auch Mut. Die Hilfsbereitschaft, die wir von vielen Seiten erfahren haben, die gibt uns die Kraft weiterzumachen."
Die Verabschiedung war herzlich. Man will in Kontakt bleiben, sich nicht aus den Augen verlieren, so die Vorsätze für die Zukunft.

Gott sei Dank konnte das Vieh gerettet werden
Während der Rückfahrt im Auto wussten wir, dass das ein guter Tag für uns war. Es gibt Augenblicke, in denen bin ich dankbar, Lehrer - und ganz besonders Lehrer an der ESN - sein zu dürfen. Dies war so ein Moment!
Klaus-Randolf Weiser

Fotos wurden uns von dem Evangelischen Schulzentrum, Riesa, bzw. Herrn Klabunde zur Verfügung gestellt






nach oben